Annette Güldenring

by Annette Güldenring
Kunst und Kreatives
Meine Gemälde...
Ein Kampf gegen Windmühlen, der mir endlos Kraft und Verzicht auf Lebensqualität abgefordert hat. Trotz massiver Angriffe und Morddrohungen gegen mich, habe ich niemals aufgegeben. Bereits 1980 begriff ich, dass die Medizin, die sich in ihrer Selbstüberschätzung als Definitionsinstanz über gesundes und krankes Geschlecht erklärt hatte, nicht im Geringsten in der Lage war, geschlechtliche Varianz in ihrem wunderbaren Sein und besonderen Lebenslagen wertschätzend und entwicklungsfördernd begegnen zu können. Und da begann mein Aufbäumen, das sich bald darauf fokussierte, das traditionelle Denken in der Medizin über Geschlecht und seine varianten Ausdrucksformen anzugreifen. Ich habe in der Medizin unermüdlich um Zuhören und differenziertes Nachdenken gebeten, darauf gepocht, eine offene und wertschätzende Wahrnehmung geschlechtlicher Vielfalt zu lernen. Mein Ziel war es immer, eine Brücke zwischen trans Personen und der Medizin zu bauen und Vertrauen zu schaffen. Vielleicht ist es mir gelungen, an der Ebnung dieses Weges meinen Anteil geleistet zu haben. Das würde mich stolz und zufrieden machen. Die Stationen dieses Weges sind auf dieser Webseite tabellarisch skizziert.


Lilly Cath steckte im Geburtskanal. Sie steckte fest und ließ die Zeit verstreichen. Einen Rutsch vor – wollte dann doch nicht weiter und stemmte dagegen. Lilly Cath, eine, der es nicht steht, sich nach irgendwas zu richten, sich zu fügen, auch nicht der Schmiere und Peristaltik in der mütterlichen Vagina. Dagegen halten, gegen alles, was in eine eindeutige Richtung glitscht, gleitet oder gar schmiert.
Erst als horrende Wirkungseinheiten eines Wehenmittel sie fast erdrückten, die Schmiere immer mehr nach altem Käse schmeckte, da hielt Lilly Cath es nicht mehr aus, suchte sich einen Weg nach außen und gebärte sich. Wenigstens hatte sie den Zeitpunkt mitbestimmt und sprayte das widrige Fruchtwasser im hohen Bogen aus dem Mund. Ihre Augen leuchteten – und wie. Sie leuchteten wie nur die neugierigen Augen eines Mädchens leuchten können, das in der Welt mitmischen will. Das irritierte die anderen, die da im Raum waren, den man Kreissaal nennt. Leuchtende Augen voller Eigensinn und Tatdrang waren etwas Ungewohntes, Unwirkliches und Geheimnisvolles. Tatsächlich fehlten den Augen von Lilly Cath zu diesem Zeitpunkt jeder Ausdruck von Unterordnung oder gar kindlicher Hörigkeit. Keiner war in der Lage, dies zu verstehen. Was blieb Lilly Cath also übrig, als lauthals zu brüllen, außer sich vor Freude und Tatendrang dröhnte sie in allen Intonationen auf schönstem Säuglingisch in diesen Raum, diesen Kreissaal. Die Rettung für Lilly Cath im Kreise der tauben Hornochsen gegen ihre Ausdünstungen voller bleierner Schwere, Regungsarmut und Eintönigkeit. Sie hielt kurz inne, traute ihren Ohren nicht, als sie das Echo ihrer Melodien in den grau verfugten Kacheln hohl scheppernd vernahm. Schrecklich, dieser Klang. Doch nun erst recht, sie wurde immer lauter, trällerte was das Zeug hielt, brachte Farbe in diese Wände aus Keramik und Sterilität. Lilly Cath ist eben eine, die singt, wo ihre Lust will. Ein Jubilieren, das seinesgleichen sucht, und zwar auf säuglingisch, akzentfrei, das es nur so kracht.
Keiner im Kreise derer im Kreissaalraum, nicht einmal die Amme, konnte einen einzigen Brocken Säuglingisch erfassen. Nährboden für verhängnisvolle Missverständnisse, und das ganz in dem Moment, in dem alles beginnen könnte. Vater griente blöd durch die Linse einer Videokamera, die Amme war eisig im Herzen, die Ärztin hatte keine Lust. Keinem fiel ein, auf Lilly Cath zu reagieren, kein Wort der Begrüßung auf ihr säuglingisches Hallo. Nicht einmal ein unsicheres Winken, geschweige denn der Hauch einer Bewunderung für die sagenhaften Augen von Lilly Cath.
Mutter knetete meditativ ihr Drüsengewebe, in Gedanken an die alternativ-ideologisch verbrämte Geburtsvorbereitungserziehung unter der Dominanz einer globalen Entschlackungskampagne. Muttermilch, bäh, Lilly Cath wollte gar keine Mutter und erst recht keine Milch von ihr.
Die Amme kämpfte mehr mit einem geheimnisvollen Sodbrennen, was sie immer heimsuchte, wenn die Kleinen zeigen, was sie drauf haben; dass sie mehr können, als sich zu fügen. Die in allen Gliedern steckende Wut auf Lilly Cath, auf ihre rebellische Eigenart ließ ihr das Kleine fast aus den Händen gleiten. Im letzen Moment fing die Amme das Kleine kurz vor dem grauen Fliesenboden auf, fluchte zischend. Den Schrecken von Lilly Cath, die Angst in ihren Augen in diesem Moment, gewahrte sie nicht.
Die Gesellschaft im Raum, den man nun eben zu diesem prototypischen Kreissaal kreiert hatte, nahm nun das Geschöpf – wie sie Lilly Cath zunächst nannten - ins Visier. Die Blicke der Alten huschten ignorant über diese Augen, über ihr Gesicht und schnellten wie synchronisiert zur Stelle der Stelle mit den Fragen der Fragen. Diese fragezeichnet sich zwischen den Beinen. Grundlage für jeden Vornamen, ohne das zwischen den Beinen läuft nichts. Kein Vorname entsteht ohne genitalen Einfluss, ohne diese Macht. Komisch. Das ist bei jeder Geburt so. Verrückt, die Augen werden nicht gesehen, das Betrachten scheint nicht nötig, denn es geht die Mär um, dass die Augen der Säuglinge in den ersten Stunden geschlossen seien. Dabei stimmt das oft nicht.
Zwischen den Beinen von Lilly Cath, da reckte sich ein entzückender Phallus. Lilly Cath war sich sicher, es war einer der hübschesten Mädchenpimmel, den es gab. Eigentlich ist das mit den Pimmeln eher schwierig, denn sie sind nicht so einfach zu einzuordnen, wie das die meisten denken. Ein Pimmel für sich alleine sagt nämlich gar nichts aus über das, was noch an ihm hängt. An einem Pimmel kann man zwar ziehen, man kann ihn bewundern, aber deuten kann man ihn nicht. Mädchenpimmel können allerdings so einfache und leichte Geschichten erzählen, nur, in den seltensten Fällen kommen sie überhaupt zu Wort.
Denn, was ist schon ein Pimmel ohne die Augen derjenigen, die ihn trägt, ohne die Seele, die über ihm schwebt und ihn belebt? Jede Seele ist voller Fragen und ein Pimmel ist nicht dazu geschaffen worden, so viel Aufmerksamkeit wie bei uns üblich auf sich zu ziehen bis dass er sich verhängnisvoll verkannt fühlt und mit den ihm zugedichteten Verpflichtungen gar nicht mehr umgehen kann oder sogar will.
Es gibt eben an Mädchenseelen einfach prachtvolle Pimmel. Diese Mädchen sind zwar selten, aber es gibt sie. Und es gibt tatsächlich auch Jungen mit herrlichen Muschis, die vor lauter Vergnügen nur so zwitschern können, dann im Sitzen pinkeln und staunen, wie tiefe Löcher ihr Strahl in den Sand spült. Sich herrlich dabei kaputt lachen müssen. So laut, dass es im Unterleib presst und sie noch stärker strullen können, wie Sturzbäche ohne scheinbares Ende.
Lilly Cath war ein solches Geschöpf, war beseelt als Mädchen und trug ein frappantes Kleinod zwischen den Beinen. So war das eben, die meisten können und wollen es nicht glauben, haben noch nie davon gehört. Aber was konnte Lilly Cath dafür?
Nichts.
Gar nichts.
Die Kreissaalgesellschaft verstand gar nichts von den Innenwelten der menschlichen Wesen und sie konnte obendrein kein säuglingisch dolmetschen. Ihre Mühe und ganze Aufmerksamkeit galt der Identifizierung des Mit oder Ohne zwischen den Beinen. Alles außer Pimmel war ohne Interesse, wurde zunichte gemacht, ausgeblendet. Hier liegt die Zündung für die umfassende Gespaltenheit, die Lilly Cath erwarten sollte. Es wurde geopfert, was der Kern eines jeden Glücks ist: die innere Einheit und Stimmigkeit des Lebens wurde zerschnitten, indem es nicht gelang, über den Pimmel hinweg zu sehen und zu denken.
Der Schwanz von Lilly Cath wurde zum einzigen Anschauungsobjekt der anwesenden Augenpaare, eine Art Erlösung mit einer Pseudoklarheit für die Beobachtenden. Nach dieser kognitiven Glanzleistung folgte eine noch unglaublichere; die routinemäßige, total bescheuerte Bezeichnung und Einigung für und über das, was zu sehen war. Eine miese, langweilig und durchschnittlich dumme Bezeichnung, die Lilly Cath Entscheidendes entreißen und ihr eigentliches Fühlen missachten und über Fremdbestimmungen regeln würde.
Vaters Augen zerplatzten fast, quollen an zu Froschaugen, drohten zu ejakulieren, ungeduldig, spritzwütig und gepresst. Die Videokamera klatschte auf die Nachgeburt, so dass es, wie er heiß ersehnte, in alle Richtungen spritzte. Er sammelte die letzte Spucke, brachte es über die Lippen und auf den Punkt. Orale Flatulenz verkomplizierte seine sonst flüssige Sprachbildung mit einem Hauch Ehrfurchtsbezeugung, um es nicht Neid nennen zu müssen:
„Ein Franz, ein kleiner Franz. Mit allem Drum und Dran.“
Die Ärztin atmete in diesem Moment auf. Geschafft! Und im Nachhinein war sie froh über ihr Spezialwissen in Anatomie. Ja, ihr war es stets in Erinnerung geblieben, wie der Professor das Glied der Sezierleiche geknetet und Vorträge über die Geschlechtszuweisung gehalten hatte, die kaum zu enden schienen. Zuerst war sie als junge Studentin beim Anblick der spindeldürren Finger, die sich um den Penisschaft schlossen, ja fest zu krallen schienen, irritiert. Doch die begleitenden, hämmernden Worte des Hochschullehrers ließen sie überdurchschnittlich schnell in die Wirklichkeit der Anatomie zurück finden. Alsbald - der Professor begann, das Glied der Leiche in die einzelnen Schwellkörper zu zerlegen – war eh jede verbotene erotische Spannung dahin. Ihre unmoralischen Phantasien verloren sich unter der Wirkung des Skalpells und wurden von der jungen Studentin durch nüchterne Klarheiten in ihrem Denken ersetzt. Erlebte Lust gegen Selbstdisziplin, was für ein Kampf, den sie bestehen musste. Ein entscheidender Moment für ihr Leben und Grundlage für ihre beispiellose medizinische Karriere: Man hat kein Geschlecht, man ist auch kein Geschlecht, das Geschlecht bekommt man zugewiesen, eher Recht als Geschlecht. Das Geschlecht wird einem verhängt. Das darauf folgende Genital-Testat bestand sie mit Bravour. Und heute, gerade als Lilly Cath für diesen Wirbel sorgte, da war Frau Doktor dankbar für ihre lange und schwierige Ausbildung, bereute all die Mühen nicht, die sie zu dieser Sicherheit und Klarheit im Urteilen geführt hatten. Sie fühlte sich spezialisiert in der Diagnostik der Genitalologie jeder Form, auch der undifferenzierten. Und es fiel ihr nicht schwer, der Diagnose „ein Franz“ beizupflichten.
Und die Amme? Sie kämpfte insgeheim immer noch gegen die Magensäure, machte schließlich ihr Kreuzchen im Geburtsbuch neben das M als Delegierte der vorgesetzten Ärztin, aber immerhin dennoch in eigener Verantwortlichkeit. Sie verkreuzigte sich nicht. Grundlagen der Genitalologie würde sie schließlich auch beherrschen. Obendrein hatte sie jahrelang Erfahrung mit dem Blicken zwischen die Beine. Dann nahm sie eine Handvoll Magentabletten, ein letztes Aufstoßen, und?
Und?
Nichts weiter.
Und Lilly Cath? Dieses Mädchen am Anfang ihres Pulsierens mit Freude auf Leben hatte gehofft, eine Frau werden zu dürfen. Sie wollte sich noch ein bis zwei Jahre päppeln lassen, aber spätestens dann hatte sie eigene Pläne, wollte los ins Leben. So, wie sie geformt war, wollte sie teilhaben an dem, was sich ihr bieten würde.
Und nun war sie in den ersten Minuten so unkorrigierbar falsch verstanden worden, für immer festgelegt. Für immer! Was für eine Tragweite, was für ein Schicksal!
Da stockte plötzlich ihre Lebenslust, nein, als Franz wollte sie gar nicht erst loslegen. Lilly Cath hörte wie mit einem Mal mit dem Schreien auf, ja einfach so. Sie hörte einfach auf, Luft zu holen, nein, sie wollte nicht mehr. Mit energischen Willen stoppte sie das Auf und Ab ihrer jungen Lunge. So sollen das viele Säuglinge machen, die sich nach dem ersten Schreck sicher sind, dass es sich nicht lohnt. Die gar nicht erst weiter wollen. Sie lassen die Lippen, dann Kopf und schließlich den ganzen Körper bläulich anlaufen. Auch Lilly Cath protestierte auf diese Weise, denn sie wusste sich keinen anderen Weg. Wenigstens versuchen. Und dann? Die Reaktion ist immer dieselbe, stereotyp. Wie alle suizidalen Neugeborenen kriegte Lilly Cath einen hinten drauf, und was für einen. Das hört sich brutal an, ist aber so üblich und außerdem medizinisch-pädagogisch angemessen. Eine erste Lektion begleitet von einem mächtig lauten: „Willst Du wohl“.
Der Hieb brannte in dem zarten Fleisch wie Feuer. Er konnte nicht ohne Schaden für das Gefühlsleben von Lilly Cath bleiben, diese erste Züchtigung war eben nicht zum auszuhalten. Das Wort „aushalten“ kam im Säuglingisch gar nicht vor, weil es im Säuglingischen unnötig ist. Nun lernte Lilly Cath die lebenszentrale Bedeutung dieses Wortes kennen. Hautnah. Zwar brüllte Lilly Cath wie eine, die das erste Mal geschlagen wird. Aber da war es schon zu spät. Ja, Brüllen, was das Zeug hergibt. Denn dafür braucht man Luft, Gott verdammte Luft, braucht gute Lungen, die sich für alle sichtbar heben und senken. Das wirkt beruhigend auf die anderen. Und der Schmerz, der wie glühendes Eisen irgendwo innendrin tobt und sich fortpflanzt bis wer weiß wohin, erstickte das so gesunde Aufbäumen von Lilly Cath. Er tötete ihr Fordern nach dem, wie sie war, wie sie empfand, ihr Fordern nach dem Natürlichsten, was es gab. Und das war säuglingisches Allgemeinwissen. Endlich aber funktionierten die Organe so, wie die anderen wollten und wie die Medizin es vorschrieb zur Zufriedenheit aller, einer stinklangweiligen Normalität. Gleichzeitig hatte Lilly Cath begriffen, wo das Wort aushalten herrührt, hatte begonnen, einen menschlichen Wortschatz zu bilden. Das erste Wort war also „aushalten“. Lilly Cath Geburtsstunde eines tadellosen Funktionierens, aber gleichzeitig war – und keiner hatte es bemerkt – das Leuchten, das sagenumwobene Strahlen ihrer Augen versiegt.
Irgendwann lag sie in einer Wiege, für sich. Um sie herum war es ruhig, keine Mitleidenden, die vielleicht säuglingisch verstanden hätten. In diesem Augenblick wurde sie endlich gewahr, dass etwas in ihr passiert war; dass es in ihr irgendwie still geworden war. Ihr Juchzen war irgendwo verstummt, einfach nicht mehr zu wecken. Sie wusste nicht wo. Auch das Leuchten, der Glanz in ihren Augen war verblasst, irgendwo, einfach weg, wie ein Verdunkeln in sich und ihrer Seele. Nein, nicht unbedeutend, denn genau in diesem Moment verschwand Lilly Cath in sich selber, verdeckte sich und ihre Identität hinter einer imaginären Kulisse. Denn in den wenigen Minuten ihrer irdischen Existenz hatte sie etwas Entscheidendes begreifen können. Sie war als Lilly Cath nicht erkannt worden und empfand sich als Wesen mit dem Herzen der Lilly Cath, welches übersehen worden war und deshalb fühlte, eigentlich nicht geboren zu sein. Lilly Cath war als Mädchen verkannt und zu einem Franz gemacht worden. Und das war keine Nichtigkeit. Es war zerstört, was Lilly Cath zu erleben wünschte, weil erst dann ihr eigenes, ihr besonderes Leben vollständig werden würde, mehr als ein Torso oder ein bloßes Fragment.
Sie wusste sich keinen Ausweg. Das einzige, was ihr einfiel, war, sich im eigenen Verborgenen zu halten und dort zu schützen, solange sie dazu in der Lage war. Mit Franz, der ihren Pimmel zugedichtet bekommen hatte, würde sie sich anfreunden, mit ihm teilen müssen. Ohne ihn und seine Hilfe würde Lilly Cath untergehen, und gleichzeitig aber auch Franz. So, Lilly Cath schob sich ihr Däumchen zwischen die Lippen, waren Franz und sie aufeinander angewiesen. Da entstand etwas Zuversicht, endlich zumindest ein Hauch. Was blieb auch übrig? Und da – wie gespenstisch – drängte sich ein menschliches Gesicht über die Wiege, ein Gesicht, das so ein universal eintöniges Lächeln trägt und welches flüsterte:
„Ist er nicht süß, unser Franz? Und lutscht sogar schon am Daumen.“ Sprach’s, führte den Daumen sachte aus dem Mund von Franz und ersetzte ihn durch einen Gumminippel, gaumengerecht und mit einem Touch himmelblauer Tönung. Kaum zu sehen, denn das würde ja auffallen.
Höfe
Annette Güldenring, © 2024
Auf dem Lande schleichen sie nachts um die Höfe. Die Schönen der Nacht. Kettenhunde schlagen an, fletschen. Es riecht nach Mist, der mit dem Parfum konkurriert. Stöckeln um die Höfe. Knallrote Lippen. Netzstrümpfe. Darin sind die Beine weich und zittrig. Sie haben Angst, aber diese Schönheiten müssen in die Nacht.
Eine schlanke Zigarette zwischen den roten Fingernägeln. Das Nikotin durchströmt ihre Körper und überlistet ihre Angst. Ihr Mut lacht sich selbst an und betäubt den ganzen Mist. Die Körper beginnen zu schweben, zu tanzen. Zarte Silhouetten unter dem Dunkel des Firmaments. Sosein. Geschlechtliches Fühlen, sich näher sein und in sich erfahren, was nicht benennbar ist. Die, die die Leute mit die vom anderen Stern beschreien. Das, was den Leuten, die so schreien, selbst verschlossen ist.
In den Städten huschen die Schönheiten dunkle Treppenhäuser hinunter. Es zieht sie zu den Höfen. Stöckeln klackt auf Beton und hallt. Tritt für Tritt, Stufe für Stufe. Eine Wohnungstür öffnet sich. Pulsrasen. Strammstehen. Gesicht zur Wand, Hände an die Hosennaht, wie im Kindergarten gelernt. Schweiß und Schminke laufen ineinander und im Kopf übt sich hohe Stimme.
Jemand torkelt vorbei. Es riecht nach Suff und schafft gerade ein „N’Abend, junge Frau“. Leise Tränen, die aus dem linken Auge gegen die Verzweiflung, die aus dem rechten vor unfassbarer Freude.
Junge Frau?
Nochmal, bitte.
Bitte!
Weiter strammstehen, nicht rühren.
Ein piepsendes „Ja“ soll schützen vor einem Faustschlag in die Fresse. Der Suff torkelt weiter. Durchatmen. Warten bis im Treppenhaus die Lichtautomatik erlischt. Neuen Mut fassen, der bis zum Auto ausreicht. Aufs Land fahren bis zum Mist, um um die Höfe zu schleichen.
Beim Öffnen der Autotür in den Höfen fährt in der Nähe eine andere Schöne der Nacht wie vom Blitz getroffen zusammen und flüchtet ins Dunkle. Zwei Silhouetten.
Die Schönen der Nacht scheuen das Licht. Im Licht droht Verrat. Licht nimmt den Raum, in dem geschlechtliche Rätsel möglich sind. Das Licht vereitelt den Zauber des Geheimnisvollen. Die Elemente dieser Schönheiten sind die nächtlichen Moraste, in die sie abtauchen und verschwinden, um tränenüberflutet neben Fröschen und Unken nach sich selbst zu tauchen.
Intra Muros
Annette Güldenring, © 2024
Die ärztliche Psychotherapeut_in zückte den Stift. Der Stift füllte eine Einweisung aus.
In den 50 Minuten der Therapiestunden rauchte sie regelmäßig 4 Zigaretten, blies den Rauch in den Raum der Assoziationen vor sich her. Manchmal hüstelte sie. Jetzt, beim Ausfüllen der Einweisung, qualmte es wieder zwischen ihren Fingern.
Ihre Patientenmenschin saß wortlos und zusammengekauert auf dem Stuhl. Vorsorglich im Winkel von 90 Grad zum Stuhl der Therapeut_in positioniert, damit sich die Blicke nicht treffen konnten und der geblasene Rauch einen ungehinderten Weg finden konnte.
Die Patientenmenschin war vor kurzer Zeit mit Nöten und Fragen um ihr variant gefühltes Geschlecht gekommen. Diese Menschin hatte eine fürsorgliche und ärztliche Auseinandersetzung mit ihren individuellen Fragen um ihr geschlechtliches Fühlen gewünscht.
Die Fachperson hatte geantwortet: „Aus fachlicher Sicht wäre es geboten, wenn mein Mann und ich die Sitzungen zusammen durchführen. In einem solchen Setting hätten Sie die Gelegenheit, Ihre missratene Übertragung auf den männlichen und weiblichen Elternteil zu sortieren, um zu mehr Identitätsdichte in ihrem männlichen Köper zu finden. Leider übernehmen die Kassen dieses besondere Setting nicht“.
Rauch quietschte aus der Lunge:
„Deshalb muss ich Sie allein therapieren“.
Die Behandlung war ein rauchendes Desaster. Es gab keinen Raum, um nicht-heteronormative Perspektiven auch nur in Ansätzen im Schutze der Therapie spürbar werden zu lassen. Es dominierte der Grundsatz Mann und Frau. Und immer, wenn die Patientenmenschin sich selbst als unpassend darin vorsichtig beschrieb und ihre Konflikte dabei benannte, kochten die Emotionen der Therapeutin hoch und die nächste Kippe war fällig. Ihre emotionalen und verbalen Reaktanzen waren zwischenmenschliche Inkompetenzen und versiegelten den Therapieraum mit lehrbuchmäßigem binärem Geschlechtsschleim, in dem die Luft, muffig nach Heteronormativität und Nikotin, für die Patientenmenschin emotional immer erdrückender wurde. Ein anderes, ein besseres Wort dafür wäre psychische Gewalt gewesen. Gewalt gegen den Mut der Patientenmenschin, ihr Fühlen, das nicht war, wie es sein sollte, laut auszusprechen.
Diese unidirektionale Behandlung wurde zum existentiellen Verhängnis. Sie verstellte jede eigene Wahlmöglichkeit, ließ nicht einen Hauch eines eigen Seins erscheinen. Die Lebenszukunft wurde durch die Therapie für die Patientenmenschin immer dunkler und aussichtsloser.
Als dies erreicht war, konstruierte die Therapeut_in über die Patientenmenschin ein „klinisches Bild“, das für sie alle Kriterien einer ernst zu nehmenden Depression erfüllte mit – so das subjektive Gefühl der Therapeut_in – besorgniserregender suizidaler Entwicklung. Psychodynamisches Denken und Selbstreflexion der nikotinergenen Gegenübertragung schienen wie böhmische Dörfer.
Oft, wenn die therapeutische Maschinerie an die Grenze ihrer Kompetenz[1] kommt und sich selbst überfordert, geht der Weg in eine geschlossene, oder – fachlich und human klingender ausgedrückt - geschützte Station.
Und so schlossen sich hinter der Patientenmenschin die schützenden Stationstüren.
Die Patientenmenschin war jung. Sie hatte sich Hormone auf dem Schwarzmarkt gekauft in Berlin im Rotlichtmilieu. Es hatte keine andere Lösung gegeben, und die Hormone taten ihr sehr gut. Ihr Äußerliches war im Passing feminisiert und wirkte in ihrer Jugendlichkeit auf männliches Stockfieber erregend.
Das Personal führte sie in einen Krankensaal mit 9 weiteren Betten, aus denen armselige Menschenseelen stierten und ihre unrasierten Gesichter sich wie konzertiert aufhellten, als sie – papierlich er und somit männergetraktet – in das Zimmer geführt wurde. Um die zahnlosen Mundwinkel wurde es lebendig, unmittelbare psychologische Heilungsprozesse, die die neuroleptische Potenz eines jedes Psychopharmakons um Welten in den Schatten stellten. Saugende Blicke, die nicht aufhören wollten, darauf zu warten, dass siesich auskleiden und ins Bett legen würde.
Die Patientenmenschin legte sich in Wollpullover und Jeans ins Bett, zog die Bettdecke über den Kopf und bibberte am ganzen Leib. Ihr Herz raste in Panik vor der Horde Geilheiten, die über sie herfallen und nach ihrem Körper greifen könnten. Es gab keinen Ausweg, denn wohin sollen Menschinnen auf einer geschlossenen Station fliehen.
Bibbern am Leib soll nicht sein und alsbald drückte Personal eine Pille in ihre Wange. Der Arzt unterschrieb die Indikation am Schreibtisch als Bedarf und übertrug die Diagnose des Einweisungsscheines. Von Geschlecht keine Rede. Nicht vorgesehen. Er wollte den Neuen am nächsten Tag anschauen.
Psychopharmakologie garantiert keinen Schlaf und stoppt kein Bibbern, das echte Angst ist, die sich im Körper mitteilt. Unerhörte Ängste vor Einbrüchen in Körper und Geist und Abgrundtiefen eines zukünftigen Nichts sind existentielle Apokalypsen. Es bebt, schreit, reißt, zerreißt und wird im Krampf der Muskeln gebremst bis zu einer unerträglichen Stille, in der alles zu enden scheint und dennoch brennt wie Feuer. Eine Erfahrung, die das Leben für immer und nachhaltig verändert.
Sie grub sich in die Decken umgeben von grienenden Gesichtern mit intrinsischen Testosteronspitzen.
In der Nacht flüchtete sie aus dem Zimmer. Unter der Chemie sackten ihre Beine zusammen. Kurz darauf spürte sie unter den Achseln stachelige Fingernägel, die sich ins Fleisch bohrten und sie in ein Notbett hievten. Erneut drückte sich eine Tablette in die Wangenhaut. Dann verlor sie Klarheit und Gefühl, wurde chemisch in die Bedarfe der Nachtruhe einer psychiatrischen Stationsordnung eingepasst.
Am nächsten Tag folgten Blick- und Schlundkrämpfe, eine bekannte Nebenwirkung und somit eine medizinische Indikation für weitere Pillen gegen die ersten Pillen.
Eine psychiatrische Karriere spiralte sich wie von selbst.
Die traumatischen Auswirkungen blieben lebenslänglich.